Was habe ich mir da nur vorgenommen?, frage ich mich. Nicht mehr ganz so verzweifelt wie noch heute Nachmittag, nachdem ich die ersten drei Seiten und somit die erste Szene von Großstadtrotkäppchen korrigiert habe.

Ein bißchen was habe ich die Tage gelernt, was sich mit der Zeit sicher immer wieder bestätigen, mir aber hoffentlich (sicherlich) auch in Fleisch und Blut übergehen wird. Daß ich viel verwirrter rede als ich schreibe, ist mir schon ewig und drei Tage bewußt und daraus mache ich längst kein Geheimnis mehr. Es liegt sicher daran, daß mein Kopf so voller allem ist und ich es während des Schreibens sehr viel besser kanalisieren kann als während des Redens. Woran auch immer das liegt – irgendeine Hirnstruktur? Hm. Ist ja nicht weiter wild (meistens zumindest). Mir fiel auf, daß ich nach wie vor viel zu nah vor meinem Werk stehe, heißt, daß ich diesen ganzen Berg an Wörtern, Sätzen, Szenen und Kapiteln vor mir gestapelt sehe und mich frage: wie in aller Welt ich mich da durchfitzen soll? Und warum ich das überhaupt freiwillig tue?

Die Antworten sind einfach. Erstens: Satz für Satz bzw. Szene für Szene. Zweitens: weil ich ohne das Schreiben nicht ich bin. Weil ich sonst innerlich durchdrehe und außer Balance gerate. Weil ich es liebe! 🙂

Schwierig empfinde ich, noch, eine so große Szene zu bearbeiten, auszubauen. Manche Autoren haben mit Kurzgeschichten (was meinem Verständnis nach große Szenen sind) begonnen und erkunden von dort aus noch längere Text oder auch kürzere. Ich habe mit Gedichten gestartet, in denen ich mich sehr Zuhause fühle. Die aus mir fließen als gäbe es kein Morgen. Bei denen ich mir meiner Stimme bewußt bin. Das in großen Szenen zu adaptieren, umzusetzen, ist spannend. Anstrengend. Ich bezeichne es ganz offenbar schon immer nicht umsonst als Schreibarbeit. 😉 Doch das ist ja auch das Schöne daran. Ich wachse wirklich mit dieser Aufgabe. Diese eine Szene für sich zu sehen und anzugehen. Die fünf Sinne nicht zu vergeßen. Und was nicht alles. Paradox ist es manchmal: im Alltag nehme ich alles so intensiv wahr, daß ich manchmal schon am Nachmittag ausgelaugt bin (wobei es besser geworden ist dank Selbstfürsorge) und in meinem Schreiben fiel mir auf, wieviele dieser Details fehlen. Teilweise scheine ich zwischen den Zeilen so vieles beim Leser vorauszusetzen an Wahrnehmung und was wie miteinander verknüpft ist – was den Leser nur freuen kann; ich traue dir viel zu! 😉
Mir selbst ist, logischerweise, so vieles klar an Umgebung und Empfindung – was aber alles unbedingt noch ausgeschrieben werden will.

Viel zu tun, wirklich. Auch wenn ich beim ersten Durchlesen stellenweise sehr erstaunt und positiv überrascht war, gab es genauso Seiten… oh, über die ich in der kommenden Zeit noch ordentlich den Kopf schütteln werde. Was jedoch vollkommen in Ordnung ist. So ist das Leben. Wir stolzieren als Kleinkinder schließlich auch nicht sofort durch die Welt sondern legen uns erst noch so einige Male ordentlich in den Dreck, heulen herzzerreißend als würden wir sagen wollen: nö, nein, nie wieder! So ein Quatsch!

Und weil ich heute, nach diesen ersten drei korrigierten Seiten an manche denken mußte, die sagten: oh, toll! Darf ich das mal lesen? – NEIN. Das ist das erste Manuskript. Das ist so gruslig und noch überhaupt nicht das, was es sein kann und werden wird – NEIN. Klar, wer diesen Prozeß nicht kennt, sieht das nicht. Und auch das ist in Ordnung. Das ist wie: ich kann jetzt Alle meine Entchen auf dem Klavier. – Spiel mal! – Und derjenige setzt sich hin, räuspert sich fünf Mal, legt einen Finger auf die Taste (okay, vielleicht auch zwei) und spielt das Lied so, daß man es nicht erkannt hätte, wüßte man nicht, was es sein soll. Gut, vielleicht ein bißchen übertrieben.

Besser, ich zeige euch einfach, was ich meine. Es ist nicht die gesamte erste Szene, nur die jeweils ersten beiden Absätze.

Großstadtrotkäppchen, Auszug Erstes Manuskript

Diese Nächte liebte ich: spät am Abend los, irgendwohin, einen Club finden, den ich noch nicht von innen gesehen hatte oder einen besuchen, von dem ich wußte, er würde mir geben, wonach ich schaute. Und dann, nach einer langen Nacht, die den Alltagstrott der letzten Tage übertönte, überstrahlte mit ihren Farben und nahezu ausradierte mit ihrer Vibration, kurz vor dem Morgengrauen den Weg nach Hause antreten. Unterwegs sponn ich mir alle möglichen Geschichten zu den Menschen zusammen, die ähnliche und doch ganz eigene Gründe hatten um ebenfalls noch wach und draußen zu sein. Wer suchte was? Vor was flüchteten sie? Was wollten sie vergessen? Nach welchen Abenteuern sehnten sie sich? Manche Gesichter gaben Antworten auf diese Fragen. Andere schienen die Nacht über nur noch mehr Fragezeichen aufgesammelt zu haben, als seien sie in einem virtuellen Spiel unterwegs und folgten blind einer Aufgabe.

Was konnte man mir wohl ansehen? Dann und wann, längst nicht jede Woche, nehme ich mir einen Abend, eine Nacht, lasse mich entweder von dem überraschen, was mir das Leben vor die Füße wirft oder greife nach Altbekanntem. Doch das kam nicht selten mit auch alten Fragezeichen, manchmal neuen. Wirklich zufriedenstellend war es selten.

Erste Korrektur

Ich liebte diese Nächte. Sie übertönen mit ihrem Glucksen den Alltagstrott und strahlen in so kräftigen Farben, daß einem die Augen schmerzen können. Ich sitze auf dem Hocker meiner Schminkkommode und sehe mich den Kopf leicht von links nach rechts wiegend unentschloßen an. Einen Club ausfindig machen, den ich noch nicht von innen gesehen habe und mir von all der unbekannten Energie die Sinne vernebeln laßen oder doch lieber wie gewohnt in den Club, der mich so gut kannte wie kaum ein Mensch, wußte, was ich brauchte und es mir gab? Ich zucke mit der Schulter, schicke eine kurze Entschuldigung an das Neuland, das geduldig auf mich wartete und rutsche näher zu mir heran.

So vertraut mir der Club in seiner Gänze war und er seiner Musikwahl wegen ein eher bestimmtes, immer gleiches Publikum anzog, hielt er dann und wann Überraschungen für mich bereit. Auch wenn jeder, der herkam, einen bestimmten Grund hatte, so variierte doch die Art und Weise, in der sie ihn zum Ausdruck brachten. Wer konnte schon sagen, wonach es sich richtete – Stimmung? Intensität? Ich beuge mich näher an den Spiegel, lege meinen Kopf leicht in den Nacken und den dunkelbraunen Mascara an meine Wimpern an, bewege ihn sanft von links nach rechts und arbeite mich konzentriert vor, bis kein Härchen mehr farblos ist.

Könnte kaum unterschiedlicher sein, oder? Und ich bin gespannt, ob und welche Veränderungen bei der zweiten Korrektur kommen werden. Doch, wie immer, ein Schritt nach dem anderen und der Rest gibt sich ganz von selbst.

 

Greta

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s